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Klauengesundheit

1. Vorwort

ICAR ist eine internationale Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Entwicklung und Verbesserung der Leistungsdatenerfassung und Zuchtwertschätzung bei landwirtschaftlichen Nutztieren zu fördern. Unsere Mitglieder sind Organisationen, die weltweit in verschiedenen Ländern mit der Datenerfassung bei Tieren befasst sind, sowie mit diesen zusammenarbeitende Dienstleister im Bereich der Tierdatenerfassung. Unsere Arbeit wird in wesentlichen Teilen von 18 Fachgruppen getragen, die sich schwerpunktmäßig mit jeweils spezifischen Aspekten der Datenerfassung oder Zuchtwertschätzung beschäftigen. Die Arbeitsbereiche unserer Fachgruppen decken insgesamt folgende Bereiche ab: Standards und Richtlinien, Stellungnahmen und Veröffentlichungen, Umfragen sowie (technische) Neuerungen. Die Ergebnisse ihrer Arbeit stehen über die ICAR-Website (http://www.icar.org) frei zur Verfügung und werden bei den im Jahresturnus stattfindenden ICAR-Tagungen vorgestellt. Großer Dank seitens ICAR gebührt den zahlreichen Experten für die viele Arbeit, die Zeit und das Wissen, das sie unentgeltlich investieren, um internationale Standards und Richtlinien zur Datenerfassung im Nutztierbereich zu entwickeln. Ihr Engagement hat zur Folge, dass die über die ICAR-Mitglieder weltweit bereitgestellten Informationen dazu genutzt werden können, die Landwirte in Entscheidungsprozessen zu unterstützen und so zu einer Steigerung der Effizienz im gesamten Sektor der Tierproduktion beizutragen. Die ICAR Arbeitsgruppe für funktionale Merkmale (ICAR Functional Traits Working Group, ICAR WGFT) ist besonders aktiv und hat sich bereits mit einer ganzen Reihe beim Milchrind überaus wichtiger Merkmale wie der Fruchtbarkeit, der Eutergesundheit und zuletzt der Gliedmaßengesundheit befasst. Diese Arbeit ist Teil der Strategie von ICAR, seinen Mitgliedern dabei zu helfen, ihr Dienstleistungsangebot für die Landwirte zu optimieren und die züchterische Verbesserung der landwirtschaftlichen Nutztiere, insbesondere der Milchrinder, zu fördern. Erstmals liegen nun ein international abgestimmter Atlas und ein einheitliches Kodierungssystem für Klauenmerkmale beim Rind vor. Dies bedeutet einen großen Schritt in Richtung der Verringerung der Häufigkeit von Klauenerkrankungen, die die Tiergesundheit, das Tierwohl und die Produktivität in erheblichem Maße beeinträchtigen. ICAR strebt eine kontinuierliche Verbesserung an und begrüßt daher alle Anregungen, wie die angebotenen Leistungen und insbesondere die Qualität von Standards und Richtlinien weiter optimiert werden können.

Hans Wilmink
ICAR Präsident

2. Übersicht

Details

NameCodeBeschreibungWeitere BezeichnungenWissenschaftliche Veröffentlichungen (engl.)
Ungleiche Klauen (UK)UKErheblicher Unterschied in Breite, Höhe und/oder Länge zwischen Außen- und Innenklaue, der sich durch die Klauenkorrektur nicht beheben lässt
Konkave VorderwandKVKonkave (d.h. nach innen gewölbte) Form der VorderwandEinwärts gewölbte Vorderwand
Rollklaue ROROJegliche schraubenartige Drehung der Außen- oder Innenklaue mit einwärts gedrehter Seitenwand; der Verlauf der Vorderwand weicht von einer geraden Linie abKorkenzieherklaue, Zwang(s)klaue
Dermatitis digitalisDDInfektion der Haut um die Klauen und/oder im Zwischenklauenspalt mit oberflächlichen geröteten Defekten (Erosion), meist schmerzhaften tiefen Defekten (Geschwüren) und/oder chronischer warzenartiger Hautzubildung (Hyperkeratose/Proliferation)Mortellaro‘sche Krankheit, (Klauen-) ErdbeerkrankheitPubMed
KlauenfäuleIDAlle Arten milder Hautentzündung im Bereich der Klauen, die nicht der Dermatitis digitalis (Mortellaro‘sche Krankheit) zuzuordnen sindDermatitis interdigitalis / oberflächliche Dermatitis
Doppelte SohleDSZwei oder mehrere Lagen von Sohlenhorn mit Hohlräumen dazwischenDoppelsohle
BallenhornfäuleBFAuflösung und Fäulnis des Ballenhorns, in schweren Fällen Bildung typischer V-förmiger Furchen, die bis zur Lederhaut reichen könnenBallenfäulePubMed
Hornspalt/-kluftHRZusammenhangstrennung im Wandhorn der KlaueRiss in der Hornwand
Axialer HornspaltHSASpalt, d.h. in Längsrichtung (= parallel zur Vorderwand) verlaufende Zusammenhangstrennung, am inneren (axialen) Wandhorn der KlaueHornspalt an der Innenwand
HornkluftHKHorizontal (= parallel zum Kronsaum) verlaufende Zusammenhangstrennung im WandhornHorizontaler Hornspalt
HornspaltHSSpalt, d.h. in Längsrichtung (=parallel zur Vorderwand) verlaufende Zusammenhangstrennung, im Bereich des äußeren oder vorderen (dorsalen) WandhornsLängslaufender Hornspalt, Riss in der Hornwand
LimaxLIIn den Zwischenzehenspalt ragende BindegewebszubildungTylom, Zwischenklauenwulst, Zwischenklauenwarze (CH)
ZwischenklauenphlegmoneZPSymmetrische, schmerzhafte Schwellung des Unterfußes, von der üblicherweise ein übelriechender Geruch ausgeht, und die mit plötzlichem Auftreten von Lahmheit verbunden istInterdigitale Phlegmone, (Zwischenklauen-) Panaritium, Zwischenklauennekrose, Schlegel(CH), Rigel (CH)
ScherenklaueSCHSich überkreuzende Klauenspitzen
SohlenblutungSBDiffuse und/oder umschriebene rote oder gelbe Verfärbung des Sohlenhorns und/oder der weißen Linie (Einblutung in das Sohlenhorn)
Flächenhafte (diffuse) SohlenblutungSBDDiffuse hellrote bis gelbliche Verfärbung des Sohlenhorns (Einblutung in das Sohlenhorn)
Umschriebene SohlenblutungSBUDeutlich abgegrenzte rote Verfärbung des Sohlenhorns (Einblutung in das Sohlenhorn)Steingalle
Schwellung des Kronsaums und/ oder BallensSKBEin- oder beidseitige Schwellung des Kronsaumes und/oder des Ballens oberhalb der Hornkapsel, die durch verschiedene Erkrankungen bedingt sein kann
KlauengeschwürKGUmschriebener Horndefekt mit freiliegender Lederhaut (Geschwür) im Bereich der Sohle, Benennung nach der jeweiligen Lokalisation (Zone) beispielsweise als Ballengeschwür, Sohlengeschwür, Sohlenspitzengeschwür, KlauenbeinspitzennekrosePubMed
SohlengeschwürSGUmschriebener Defekt (Geschwür) des Sohlenhorns mit freiliegender entzündeter oder nekrotischer (abgestorbener) LederhautRusterholz’sches Sohlengeschwür und Sohlengeschwüre an untypischer Stelle
BallengeschwürBGKlauengeschwür im Bereich des Weichballens
SohlenspitzengeschwürSSGKlauengeschwür im Bereich der SohlenspitzeZehenspitzenabszess, Klauenspitzengeschwür
SohlenspitzennekroseSSNNekrose der Sohlenlederhaut an der Klauenspitze mit Beteiligung des KlauenbeinsZehenspitzennekrose, Klauenbeinspitzennekrose
Dünne SohleDUNSohlenhorn gibt auf Fingerdruck nach (fühlt sich schwammartig an)PubMed
Weiße-Linie-ErkrankungWLZusammenhangstrennung in der weißen Linie mit oder ohne eitrigem AusflussPubMed
Weiße-Linie-DefektWLDZusammenhangstrennung in der weißen Linie, die auch nach Angleichen der Sohlenflächen (nach Schritt 2 der Klauenpflege) bestehen bleibtSich auslaufender Defekt der weißen Linie (CH), Wanddefekt
Weiße-Linie-AbzessWLAZusammenhangstrennung in der weißen Linie mit eitrignekrotisierender Entzündung der WandlederhautEitrig-hohle Wand, Sohlenwandabszess, Eitriger WeißeLinie-Defekt, Eitriger Wanddefekt

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    Dermatitis Digitalis (DD)

    Hervorgerufen wird DD durch sogenannte Treponemen, bewegliche schraubenförmige Bakterien. Diese gelangen meist durch befallene Zukaufstiere in den Bestand und verbreiten sich durch einzelne erkrankte Tiere in der Haltungsumwelt der Rinder. Doch nur das bloße Vorhandensein der Treponemen reicht für einen Krankheitsausbruch bei einem Tier nicht aus. Erst wenn eine Kuh z.B. durch einen Energiemangel in der Hochlaktation in ihrer Abwehrkraft geschwächt ist, können die Erreger die Immunabwehr des Tieres überwinden und Krankheitssymptome hervorrufen. Nach einer Übertragung bohren sich die Treponemen aktiv in die tiefen Hautschichten der Klauenhaut, dorthin wo sie weder das Immunsystem des Tieres noch Medikamente erreichen können. Bricht die Krankheit bei einer Kuh aus, zeigen sich in der Frühphase zunächst kleine scharf abgegrenzte Läsionen, meist am weichen Ballen oder im Zwischenklauenspalt. In der Frühphase ist die Erkrankung noch nicht schmerzhaft, so dass zunächst noch keine Lahmheit bei den Tieren auftritt. Das tiefrote, runde und höckerige Erscheinungsbild der Läsion haben der Dermatitis ihren deutschen Spitznamen Erdbeerkrankheit eingebracht. Bleibt DD in der Frühphase unentdeckt, breitet sie sich weiter auf der Klauenhaut aus und wird schmerzhaft für die Tiere. Im Stall fallen akute Fälle durch eine leichte bis mittelgradige Lahmheit auf. Beim Blick auf die Klauenhaut unmittelbar oberhalb des weichen Ballens der Hintergliedmaßen bestätigt sich dann der Verdacht: Mortellaro. Wird nun behandelt, ziehen sich die Treponemen tief in die Klauenhaut zurück. Es entsteht die chronische DD, die als solche kaum noch zu erkennen ist. Wird das Immunsystem der Kuh z.B. durch eine Hitzeperiode oder eine Kalbung geschwächt, flackert die Erkrankung wieder auf und der Teufelskreis beginnt von neuem. (gekürzt)

    PubMed Quelle

    DS (1.3) Doppelte Sohle

    Definition: Bei der Rehe- und/oder Trauma-bedingten doppelten Sohle handelt es sich um einen Hohlraum zwischen zwei Lagen des Sohlenhorns, der mit bröckeliger Hornsubstanz angefüllt ist.

    Vorkommen und Aussehen: Eine doppelte Sohle entsteht infolge von Störungen in der Hornbildung, meist infolge einer Rehe. Infolge der Quetschung der Sohlenlederhaut wird zunächst qualitativ minderwertiges Horn gebildet. Nach Abklingen der Rehe wird wiederum gesundes Sohlenhorn produziert. Die Doppelsohlenbildung wird in der Regel während des Klauenschnitts sichtbar.

    Behandlung und Vorbeuge: Anlässlich des Klauenschnittes werden lose Anteile des Sohlenhornes entfernt bis das gesunde, nachgewachsene Horn sichtbar wird. Vorbeuge siehe unter 1.

    HS (8) Hornspalt

    Definition: Bei einem Hornspalt handelt es sich um einen senkrecht im Wandsegment verlaufenden Spalt, der sich in der Tiefe bis auf die Lederhaut ausdehnen kann. Verläuft der Spalt parallel zum Kronsaum, handelt es sich um eine Hornkluft. Die Außenklaue der Vordergliedmaßen ist bevorzugt betroffen.

    Ursachen und Entstehung: Hornspalten sind auf zu trockenes und damit sprödes Horn (sand crack), ungewöhnliche Belastungsverhältnisse, Kronsaumverletzungen, Rehe oder Spurenelementmangel zurückzuführen.

    Vorkommen und Aussehen: Beide Formen führen zu Lahmheiten, sobald die Lederhaut in Mitleidenschaft gezogen wird.

    Behandlung und Vorbeuge: Zur Behandlung trägt man das lose Horn ab, wobei man gleichzeitig für fließende Übergänge zwischen Wandhorn und Lederhaut sorgt. Das Anbringen eines Kunstharzes im Wandbereich oberhalb der Zusammenhangstrennung kann eine Ausdehnung des Spaltes verhindern. Ein festsitzender Druckverband ist nötig um den Vorfall der freiliegenden Lederhaut zu vermeiden. Eine zu hoher Trockensubstanzgehalt des Hornes sowie Rehe auslösende Faktoren sollten vermieden werden.

    Klauen

    Die Klauen sind stark entwickelte verhornte Zehen der Wiederkäuer und Schweine. Im Laufe der Evolution sind die 3. und 4. Zehe voll ausgebildet, die restlichen Zehen jedoch zurückentwickelt worden und heute nur noch rudimentär vorhanden. Daher werden Wiederkäuer und Schweine auch als Paarhufer bezeichnet. Der Hornschuh der Klaue stellt einen Schutz für die Zehenspitzen dar. Da der Hornschuh ständig wächst ist auch eine ständige Abnutzung notwendig. Bei unseren Nutztieren ist diese Abnutzung häufig nur unzureichend, so dass eine regelmäßige Klauenpflege zu Vorbeugung von Klauenerkrankungen erfolgen muss. Die Klauengesundheit wirkt sich elementar auf die Vitalität, Futteraufnahme und Leistungsbereitschaft des jeweiligen Tieres aus. Somit hat die Klauengesundheit einen direkten Einfluss auf den finanziellen Erfolg der Nutztierhaltung. Vielen Klauenerkrankungen kann durch eine angepasste Fütterung und eine regelmäßige Klauenpflege vorgebeugt werden.

    Klauen- und Gliedmaßengesundheit

    Die Klauen- und Gliedmaßengesundheit stellt in der Rinderhaltung einen ernstzunehmenden Wirtschaftsfaktor dar. Neben Euterkrankheiten und Fruchtbarkeitsstörungen verursachen insbesondere Klauenerkrankungen finanzielle Verluste. Letztere beruhen auf den Kosten für die Behandlung und den erhöhten Arbeitsaufwand sowie auf dem verminderten Ertrag bei Schlachtung lahmer Kühe. Der Anteil von Kühen mit krankhaften Befunden an den Klauen rangiert je nach Betrieb zwischen 6% und über 40%.
    Die Störungen der Klauengesundheit bei Milchkühen beruhen einerseits auf Defiziten in den heutigen Haltungsbedingungen, welche eher arbeitswirtschaftlichen Erfordernissen als den Bedürfnissen der Tiere entgegenkommen. Andererseits gehen die hohen Milchleistungen der Milchkühe einher mit höheren Ansprüchen an das Management und die Umgebung.
    Eine gezielte Bekämpfung von Klauenerkrankungen bedarf der Erkenntnis, dass im Betrieb ein Klauengesundheitsproblem besteht. Dessen Ausmaß lässt sich über eine regelmäßig durchgeführte Bewertung des Lahmheitsgrades aller Tiere sowie über eine Dokumentation der an den Klauen erhobenen Befunde erkennen. Solche Daten können zudem für die Formulierung von Betriebszielen und für die Erstellung eines Maßnahmenkataloges zur Verbesserung der Klauengesundheit im Betrieb herangezogen werden.
    Ein standardisierter Diagnoseschlüssel mit aussagekräftigen Abbildungen und entsprechenden Erläuterungen soll Landwirten, Klauenpflegern, Tierärzten und allen weiteren mit Rinderhaltung betrauten Personen bei der Dokumentation Hilfestellung bieten. Die verwendete Nomenklatur (Bezeichnung) folgt weitgehend den auf internationaler Ebene getroffenen Vereinbarungen und ermöglicht neben der handgeschriebenen eine elektronische Befunddokumentation.

    KSG (6.4) Klauensohlengeschwür in untypischer Lokalisation

    Definition: Beim Klauensohlengeschwür in untypischer Lokalisation handelt es sich um ein Sohlengeschwür, welches in anderen Bereichen als den oben beschriebenen auftritt. Seine Entstehungsweise entspricht der der anderen Sohlengeschwüre.

    LI (7) Limax (Tylom)

    Definition: Die Limax oder der Zwischenklauenwulst (Tylom) ist eine kleinfinger- bis daumenstarke Zubildung der Haut und des Bindegewebes im Zwischenzehenbereich, welche vorn zwischen den Klauen beginnend in unterschiedlicher Länge in den Spalt hineinreicht.
    Ursachen und Entstehung: Man unterscheidet verschiedene Formen der Limax, wobei die erbliche Form vor allem mehrere Klauen gleichzeitig betrifft. Diese Form kommt in der Regel im Zusammenhang mit Fehlstellungen der Klauen (Spreizklauen) vor und tritt in bestimmten Kuhfamilien gehäuft auf. Bevorzugt tritt die Limax jedoch infolge Reizung der Zwischenzehenhaut im Rahmen von infektiös bedingten Klauenerkrankungen (z. B. der Klauenfäule) auf oder entsteht infolge eines nicht fachgerecht ausgeführten Klauenschnittes (schräge Sohlenfläche).

    Vorkommen und Aussehen: Zunächst bildet sich im Zwischenklauenspalt eine schmerzlose Schwiele, die im Laufe der Zeit an Größe zunimmt. Sobald die Limax an der Oberfläche durch Reibung oder Quellung der Haut geschädigt wird, können Bakterien eindringen und eine sehr schmerzhafte Entzündung verursachen (Limax necroticans). Auch die Dermatitis digitalis kann auf der Oberfläche einer Limax beobachtet werden.

    Behandlung und Vorbeuge: Im Rahmen der Klauenpflege ist darauf zu achten, dass beim Abtragen der Sohle keine schräge Fläche entsteht, welche eine Stellungsanomalie mit Einengung des Zwischenklauenspaltes bedingen würde. Die korrekt ausgeführte funktionelle Klauenpflege kann durch Anbringen der Hohlkehlung zu einer Vermeidung der Bildung einer Limax beitragen und diese unter Umständen auch verringern. Eine Limax darf nur durch den Tierarzt entfernt werden, da für den Eingriff eine Betäubung erforderlich ist.

    Nicht-infektiöse Klauenerkrankungen

    Die nicht-infektiösen Klauenerkrankungen entstehen nicht selten infolge einer Rehe. Jedoch gibt es auch andere Ursachen, die zu diesen Krankheiten führen können. Hierzu gehören u.a. zu hoher Abrieb infolge rauer Laufflächen, Belastung durch zu lange Stehzeiten oder Trauma durch unebene oder steinige Laufwege. Vor Erstellung eines Maßnahmenkataloges zur Verbesserung der Klauengesundheit müssen diese Schwachstellen zunächst erkannt werden.

    RE (1) Klauenrehe (Pododermatitis solearis aseptica diffusa, Laminitis) und assoziierte Erkrankungen

    Definition: Die Klauenrehe (Laminitis) entsteht infolge einer Stoffwechsel- und Durchblutungsstörung der Lederhaut, die durch Fütterungsfehler (Fermentationsstörungen im Pansen) im Zusammenwirken mit einer Überlastung der Klauen (harte Laufflächen, lange Stehzeiten) bedingt wird. Die Folgen werden an den Klauen innerhalb von Stunden (perakute Klauenrehe), Tagen (akute bis subakute Klauenrehe) oder Wochen (chronische Klauenrehe) sichtbar. Die subakute Rehe verläuft im Anfangsstadium meist symptomlos und bleibt daher zunächst unbemerkt (subklinische Klauenrehe).

    Entstehung und Ursachen: Der lebende Anteil der Klaue (die Lederhaut oder „das Leben“) ist beim gesunden Rind eng mit dem Hornschuh verbunden. Nach fütterungsbedingten Fermentationsstörungen oder schweren, mit Blutvergiftung einhergehenden Krankheiten kommt es vor allem im Wandbereich des Hornschuhs zur Lösung der Lederhaut vom Horn. Die Belastung durch das Körpergewicht führt zum Absinken des Klauen- und Sesambeines im Hornschuh, was eine Quetschung und Schädigung der Sohlenlederhaut nach sich zieht. Die auf Diffusionsprozessen beruhende Hornproduktion wird durch die gestörte Durchblutung der Lederhaut stark beeinträchtigt. Serum oder sogar rote Blutkörperchen werden aus den Blutgefäßen herausgepresst und gelangen in das Sohlenhorn, wo sie später als Einschlüsse (so genannte Einblutungen) im nachwachsenden Sohlenhorn sichtbar werden. Die exakte Ursache der Klauenrehe ist bisher nicht geklärt. Der Fütterung und der Wasserversorgung kommt im Krankheitsgeschehen eine zentrale Bedeutung zu. Fehlgärungen im Pansen in deren Folge biologisch aktive Botenstoffe des Körpers freigesetzt werden bedingen ein Loslösen der Lederhaut vom Hornschuh. Eine Belastung der Klauen durch lange Stehzeiten oder ungünstige Laufflächen kann zum Rehegeschehen beitragen.

    Akute Klauenrehe
    Die akute Klauenrehe entsteht häufig infolge einer akuten Pansenazidose. Diese kann durch eine plötzliche, erhöhte Zufuhr leicht verdaulicher Kohlenhydrate (Kraftfutter) hervorgerufen werden. Nicht selten löst sich der gesamte Hornschuh von der Lederhaut (Ausschuhen). Diese Form der Rehe ist eher selten geworden.

    Subklinische Klauenrehe
    Heutzutage fällt die Erkrankung in ihrer Anfangsphase selten auf (subklinische Klauenrehe). Das Klauenbein und Klauensesambein sinken in diesen Fällen allmählich oder in mehreren kurzen Schüben im Hornschuh nach unten. Dabei kann sich die Spitze des Klauenbeines ein wenig in Richtung der Sohlenfläche neigen. Bleibt diese Form der Rehe unbemerkt und somit unbehandelt entwickelt sich die chronische Klauenrehe. Lahmheiten entstehen vor allem durch Folgeschäden, den so genannten Rehe-assoziierten Klauenkrankheiten.

    Chronische Klauenrehe
    Nach einigen Monaten werden die Folgen einer Rehe in einer veränderten Form des Hornschuhes äußerlich sichtbar (chronische Klauenrehe). Die Dorsalwand der Klaue nimmt eine konkave Form an und die Wachstumsringe verlaufen nicht mehr parallel zueinander und zum Kronsaum, sondern divergieren in Richtung des Ballens (Reheringe).

    Rehe-assoziierte Krankheiten
    Zu den Rehe-assoziierten Klauenkrankheiten zählen: Einblutungen im Bereich der Sohle, die Bildung einer Doppelsohle, die Verbreiterung der Weißen Linie, der Weiße Linie Defekt, die Wandläsion, Wanddeformationen wie die Konkavität der Dorsalwand sowie Reheringe und Sohlengeschwüre. Diese Erkrankungen müssen jedoch nicht ausnahmslos durch Rehe bedingt sein, auch andere Einflüsse können solche Veränderungen an den Klauen hervorrufen.

    Symptome: Eine akute Klauenrehe macht sich häufig durch die stark unter den Leib gestellten Gliedmaßen und einen klammen Gang bemerkbar. Das Beklopfen der Hornwand ist sehr schmerzhaft und in schweren Fällen tritt in Höhe des Kronsaumes eine serumähnliche Flüssigkeit aus, die das so genannte Ausschuhen (Verlust des Hornschuhes) ankündigt.
    Die Folgen einer subklinischen Klauenrehe werden erst sechs bis acht Wochen nach Beginn der Erkrankung sichtbar, vor allem anlässlich der Klauenpflege. Zu diesem Zeitpunkt ist das Horn, welches in der kritischen Phase gebildet wurde, bereits in Richtung Sohlenfläche gewachsen, sodass die Folgen der Rehe sichtbar werden (s.o.). Sofern es zu Veränderungen in der Klauenform gekommen ist (chronische Rehe), wird der normale Fußungsvorgang derart gestört, dass weitere Strukturen der Gliedmaßen (Sehnen, Schleimbeutel) durch die ständige Fehlbelastung Schaden nehmen können. Kühe, die eine Rehe überstanden haben, bleiben in aller Regel Problemtiere.

    Vorkommen und Aussehen: Die akute Rehe kommt nur noch selten vor und ist durch hochgradige Lahmheit, und – in extremen Fällen – Ablösen des Hornschuhs (Ausschuhen) gekennzeichnet. Ein allmähliches oder schubweises Absinken des Klauenbeines bei der subklinischen und der chronischen Rehe äußert sich erst nach mehreren Wochen in einer Deformation des Hornschuhs (Konkavität der Dorsalwand, Reheringe) sowie den mit Rehe assoziierten Erkrankungen (s.u.)

    Behandlung und Vorbeuge: Aufgrund der Tatsache, dass die subklinische Klauenrehe unbemerkt verläuft, sind Behandlungsempfehlungen kaum zu geben. Vielmehr benötigen Kühe mit Anzeichen für eine chronische Klauenrehe häufiger eine funktionelle Klauenpflege. Dabei ist unbedingt zu beachten, dass die Sohle einer Reheklaue nicht zu dünn geschnitten wird. Es gilt die Regel, dass zu den 5 mm Sohlendicke für jeden Millimeter Konkavität der Dorsalwand, zusätzlich 2 mm zugerechnet werden sollten. Zwecks Vorbeuge ist es ratsam bei gehäuft auftretenden Rehe-assoziierten Erkrankungen zu klären, ob die Tiere Einflüssen unterliegen, die eine Fehlgärung im Pansen bedingen. Hierzu zählen nicht nur Futterqualitätsmängel, sondern auch Fehler in der Rationszusammenstellung, dem Fütterungsmanagement oder der Zugänglichkeit von Futterplätzen und/oder Wasserstellen. Grundsätzlich gelten alle plötzlichen Veränderungen als Risikofaktoren, denen sich die Kuh nicht entsprechend schnell anpassen kann.

    RSG (6.2) Rusterholz’sches Sohlengeschwür

    Definition: Beim Rusterholz’schen Sohlengeschwür handelt es sich um einen rundlichen Defekt des Sohlenhorns mit freiliegender, infizierter Lederhaut, welcher bevorzugt an den Außenklauen der Hintergliedmaßen und an den Innenklauen der Vordergliedmaßen auftritt und sich in der Nähe des Zwischenzehenspaltes am Übergang vom mittleren zum hinteren Drittel der Sohlenfläche befindet, dem so genannten typischen Druckpunkt.

    Ursachen und Entstehung: Das Rusterholz’sche Sohlengeschwür entsteht, wenn sich – bedingt durch ein ballenlastiges Fußen – an der Anheftungsstelle der tiefen Beugesehne ein Knochenvorsprung ausbildet, welcher die darunter gelegene Lederhaut quetscht. Die Hornproduktion vermindert sich an dieser Stelle und Blutbestandteile sammeln sich an (Steingalle). Die Barrierenfunktion des Hornes wird gestört und Bakterien können die Lederhaut oder sogar tiefer liegende Strukturen (Beugesehne, Gelenk) infizieren. Das Rusterholz’sche Sohlengeschwür wird vor allem bei überlangen Klauen infolge vernachlässigter Klauenpflege oder bei ballenwärts ausgerichteter Verlagerung der Gliedmaßenachse infolge chronischer Klauenrehe beobachtet.

    Vorkommen und Aussehen: Im Anfangsstadium ist bei der Klauenpflege am typischen Druckpunkt eine Einblutung in das Sohlenhorn sichtbar (Steingalle); im weiteren Verlauf bedingt die verminderte Hornproduktion die Entstehung eines Defektes im Sohlenhorn und eine Infektion der Lederhaut. Die Infektion und der Druck des anliegenden Sohlenhorns führen zu einer Wucherung der Lederhaut, wodurch das Geschwür ein kraterähnliches Aussehen erhält. Sofern tiefer gelegene Strukturen (Klauengelenk, Ansatz der tiefen Beugesehne, Schleimbeutel, Sesambein) betroffen sind, äußert sich dieses in einer schwereren Lahmheit.

    Behandlung und Vorbeuge: Oberflächliche Rusterholz’sche Sohlengeschwüre können durch den Klauenpfleger behandelt werden. Im Rahmen der funktionellen Klauenpflege ist hierfür der Entlastungsschnitt vorgesehen bzw. als Vorsorgemaßnahme das Anbringen der Hohlkehlung zwecks Entlastung des Druckpunktes.
    Gelingt es nicht die kranke Klaue zu entlasten, empfiehlt sich das Anbringen eines Klotzes auf der gesunden Gegenklaue. Sofern tiefer gelegene Strukturen beteiligt sind, ist der Tierarzt zu Rate zu ziehen.

    SG (6) Sohlengeschwür

    Definition: Beim Sohlengeschwür handelt es sich um einen umschriebenen Defekt der Hornsohle (Sohlensegment und fußende Ballensegmente) mit Beteiligung der Lederhaut. Je nach Lage des Geschwürs werden verschiedene Arten von Sohlengeschwüren unterschieden.

    SSG (6.3) Sohlenspitzengeschwüre

    Definition: Ein Sohlenspitzengeschwür ist durch einen Defekt des Sohlenhorns im Bereich der Sohlenspitze gekennzeichnet.
    Ursachen und Entstehung: Ein Sohlenspitzengeschwür kann auf ein zu dünnes oder zu kurzes Beschneiden der Klauenspitze zurückzuführen sein, insbesondere bei Tieren, deren Klauen durch chronische Klauenrehe vorgeschädigt sind. Eine durch Rehe bedingte Rotation des Klauenbeins kann zu einer Druckbelastung der Lederhaut im Bereich der Sohlenspitze führen. Ebenso können harte Liegeflächen, auf denen es während des Aufstehens an den Hintergliedmaßen zu einer Punktbelastung kommt, Sohlenspitzengeschwüre bedingen.

    Vorkommen und Aussehen: Sohlenspitzengeschwüre sind durch einen Defekt des Sohlenhornes im Spitzenbereich der Klaue gekennzeichnet, der eine Infektion und Entzündung der Lederhaut und des darunter gelegenen Knochens zur Folge haben kann.

    Behandlung und Vorbeuge: Nach Entfernen des losen Hornes sollte die betroffene Klaue über einen Klotz auf der Gegenklaue entlastet werden. Tiere mit tief reichenden Sohlenspitzengeschwüren sollten dem Tierarzt vorgestellt werden.

    STG (6.1) Steingalle

    Definition: Bei der Steingalle handelt es sich um ein Vorstadium des Sohlengeschwürs. Lokale Traumen (ein eingetretener Stein) oder Druckbelastungen können eine umschriebene Durchblutungsstörung an der Sohlenlederhaut bedingen, wodurch Blutbestandteile in das Horn übertreten (Einblutungen). An der betroffenen Stelle ist die Hornproduktion gestört.

    WL (1.2) Wandläsion

    Definition: Bei der Wandläsion handelt es sich um eine Rehe- und/oder Trauma-bedingte, umschriebene, eitrige Entzündung der Wandlederhaut, bevorzugt an der abaxialen (äußeren) Wand des Hornschuhs, bei der es zu einer Zusammenhangstrennung zwischen Lederhaut und hornbildender Schicht kommt.

    Ursachen und Entstehung: Die Wandläsion entsteht häufig im Anschluss an eine (Rehe-bedingte) Schädigung der Weißen Linie, durch die Bakterien eindringen und die Wandlederhaut infizieren können. Auch raue Laufflächen und Staunässe in den Laufgängen tragen zu einer mechanischen Schädigung bei. Die Infektion der Lederhaut kann zu einer Abszessbildung führen, oder der Prozess bricht in Höhe des Kronsaumes nach außen durch.
    Vorkommen und Aussehen: Am häufigsten sind die Außenklauen der Hintergliedmaßen im Bereich des Tragrandes betroffen. Die Wandläsion kann zu einer Hohlraumbildung mit Eiteransammlung zwischen der Lederhaut und der hornbildenden Schicht führen.

    Behandlung und Vorbeuge: Dem Eiter muss Abfluss verschafft werden und das unterwanderte Horn sollte freigelegt werden, wobei darauf zu achten ist, dass sanfte Übergänge vom Horn zur Lederhaut geschaffen werden. Sofern tiefer gelegene Strukturen betroffen sind, sollte der Tierarzt hinzugezogen werden. Zur Vorbeuge siehe 1 und 1.1.

    WLD (1.1) Weiße Linie Defekt

    Definition: Ein Weißer Linie Defekt ist eine Rehe-oder Trauma-assoziierte Erkrankung. Sie beschreibt eine Zusammenhangstrennung der weißen Linie mit dunkel gefärbten Rissen, Einblutungen und ausbrechenden Klauenrändern. Die Zusammenhangstrennung geht entweder von der Sohlenfläche aus und setzt sich in Richtung auf den Kronsaum fort (Reißverschlusseffekt), oder aber sie entwickelt sich infolge einer Rehe (Verbreiterung und Zusammenhangstrennung der Weißen Linie).

    Entstehung und Ursache: Weiße Linie Defekte entstehen entweder infolge einer Klauenrehe (Trennung der Schichten) oder durch einen zu starken Abrieb des Hornes auf rauen Laufflächen (z.B. nach der Neubelegung von Ställen) oder unwegsamen, mit Steinen versehenen Treibwegen. Die Weiße Linie, der Bereich an dem das Wandhorn in das Sohlenhorn übergeht, stellt die Fortsetzung der Lamellen des Wandhornes dar. Da die Weiße Linie weicher ist als das sie umgebende Sohlen- und Wandhorn, ist sie sehr empfindlich. Kleine Steinchen können im Bereich der weißen Linie eindringen und diese auftrennen. Vergleichbar mit dem Öffnen eines Reißverschlusses setzt sich der Riss dann in Richtung auf den Kronsaum fort. Ebenso können ätzende Substanzen die Hornsubstanz im Bereich der Weißen Linie auflösen, sodass nachfolgend Schmutz in den Spalt eindringen kann. Auf rauen Laufflächen wird die Sohlenfläche plan abgeschliffen. Es können Risse in der Weißen Linie entstehen, wodurch sich Keime einen Zugang zur Lederhaut verschaffen.
    Im Bereich des Ballens nimmt die Weiße Linie vor allem durch Rehe-bedingte Veränderungen Schaden, weshalb der WLD zu den Rehe-assoziierten Erkrankungen zählt. Im genannten Bereich kommt es zu einer Verbreiterung der Weißen Linie und Produktion eines minderwertigen Hornes, durch das Bakterien leicht in die Nähe der Sohlen- oder Wandlederhaut gelangen können.

    Behandlung und Vorbeuge: Liegen Zusammenhangstrennungen der Weißen Linie vor, sollte nachgegangen werden wie tief diese reichen. Auch gesunde Rinder weisen regelmäßig kleine Risse oder Verfärbungen der Weißen Linie auf, die jedoch beim Entfernen einer dünnen Hornschicht mit dem Klauenmesser verschwinden. Dieses ist eher als normale Erscheinung zu werten und sollte nicht dokumentiert werden. Krankhaft sind dagegen tief reichende Risse der weißen Linie die sich bis auf die Lederhaut oder in Richtung des Kronsaums fortsetzen. Zur Vorbeuge sollten raue Laufflächen oder Staunässe in den Laufgängen vermieden werden.
    Für die infolge einer Rehe auftretende Form der WLD gilt das unter 1. beschriebene Vorgehen.